Brasilien, Belo Horizonte 

Estádio Mineirão (Estádio Governador Magalhães Pinto)

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Konzept und Entwurfsplanung Gustavo Penna Arquiteto e Associados mit Consulting durch gmp und schlaich bergermann und partner
Ausführungsplanung Architektur BCMF Arquitetos, Belo Horizonte
Ausführungsplanung Tragwerk Engserj, Belo Horizonte

Entwurf Volkwin Marg und Hubert Nienhoff mit Martin Glass, 2008
Projektleitung Martin Glass, Lena Brögger, Maike Carlsen
Projektleitung Brasilien Robert Hormes
Direktor gmp do Brasil Ralf Amann
Mitarbeiter (alphabetisch) Sophie-Charlotte Altrock, Martina Maurer-Brusius, Silke Flaßnöcker, Ruth Gould, Claudio Aceituno Husch, Juliana Kleba-Rizental, Jochen Köhn, Martin Krebes, Helge Lezius, Veit Lieneweg, Lucia Martinez Rodriguez, Tobias Mäscher, Adel Motamedi, Dirk Peissl, Lisa Pfisterer, Ivanka Perkovic, Camila Preve, Florian Schwarthoff, Katerine Witte

Arbeitsgemeinschaft mit schlaich bergermann und partner, Stuttgart;
Gustavo Penna Arquiteto e Associados, Belo Horizonte, Engserj, Belo Horizonte

Tragwerksentwurf und -planung Dach schlaich bergermann und partner – Knut Göppert mit Knut Stockhusen und Miriam Sayeg
Mitarbeiter (alphabetisch) Birgit Dephoff, Uli Dillmann, Stefan Dziewas, Frauke Fluhr, Hansmartin Fritz, Sebastian Grotz, Roman Kemmler, Bernd Ruhnke, Tilman Schober, Augusto Tiezzi
Tragwerksplanung Stadionschüssel Engserj, Belo Horizonte
Haustechnik (Konzept und Entwurfsplanung) b.i.g. Bechtold Ingenieurgesellschaft mbH; Lumens, Belo Horizonte; STE, Belo Horizonte
Freiraumplanung und Podium (Konzept und Entwurfsplanung) Gustavo Penna Arquiteto a Associados, Belo Horizonte
Sitzplätze ca. 66.000
Länge des Stadions ca. 280 m
Breite des Stadions ca. 220 m
Höhe des Stadions
ca. 23,60 m
Bauzeit 2010-2012

 

Fotografen:

gmp

www.gmp-architekten.de

Marcus Bredt

www.marcusbredt.de

 

Zertifizierung:

LEED Certified

Belo Horizonte ist die drittgrößte Stadt Brasiliens und als Hauptstadt des Bundesstaates Minas Gerais (Allgemeine Minen) ein wichtiges Wirtschaftszentrum mit dem Schwerpunkt Eisenerz-, Metall- und Textilindustrie. So werden auch das Estádio Governador Magalhães Pinto im Volksmund liebevoll „Mineirão“ (Großer Minenarbeiter)und die benachbarte Multifunktionshalle „Mineirinho“ (Kleiner Minenarbeiter) genannt.

Das Mineirão und das Mineirinho liegen direkt an dem in den Vierzigerjahren unter dem damaligen Bürgermeister Juscelino Kubitschek künstlich angelegten Pampulha See, um den sich ein Großteil des Frühwerks von Oscar Niemeyer gruppiert: die Kirche São Fransisco de Assis, der Yachtclub, das Casa do Baile (Tanzsaal), der Golfclub, das Casino und das Wohnhaus Kubitscheks. Hier nahm die Freundschaft zwischen Niemeyer und Kubitschek ihren Anfang, die 15 Jahre später – nachdem Kubitschek brasilianischer Präsident geworden war – zum Bau Brasílias führte.

Das Stadion Mineirão wurde zwischen 1963 und 1965 nach Entwürfen von Eduardo Mendes Guimarães Júnior und Caspar Garetto gebaut und steht mit seiner plastischen, durch expressive Betonschotten gegliederten Fassade als nationales Monument unter Denkmalschutz. Es beheimatet heute zwei Traditionsvereine der ersten brasilianischen Liga: Atlético Mineiro und Cruzeiro Esporte Clube.

Von Gerkan, Marg und Partner (gmp) haben gemeinsam mit Gustavo Penna Arquiteto e Associados aus Belo Horizonte und den Tragwerksplanern schlaich bergermann und partner, Stuttgart, die Konzeption für die Modernisierung und Sanierung im Hinblick auf die Weltmeisterschaft 2014 entwickelt, wobei Gustavo Penna für die terrassierte umgebende Bebauung und gmp für das eigentliche Stadion verantwortlich zeichnen.

Das Konzept sieht zum einen vor, das historische Gebäude funktional, technisch sowie von seiner Infrastruktur her den heutigen Anforderungen an eine Fußballarena anzupassen und das bestehende Sichtbetondach des Oberrangs
mit einer leichten Dachkonstruktion nach innen zu ergänzen, um eine Überdachung aller Sitzplätze zu erreichen.

Die vorgesehenen Maßnahmen folgen ganz entschieden der Zielsetzung, den Charakter der bestehenden expressiven Betonkonstruktion völlig zu bewahren. Die funktionalen und räumlichen Ergänzungen werden als eigenständige Elemente in diese Struktur eingefügt. In Konstruktion und Materialität auf dem Stand modernster Technik kontrastieren, interpretieren und unterstreichen sie den Charakter des denkmalgeschützten historischen Bestands aus den Sechzigerjahren.

Der bestehende, für Stehplätze ausgelegte Unterrang wird ersetzt und damit die Gesamtkapazität des Stadions auf nahezu 70.000 Sitzplätze erweitert. Der neue Unterrang mit idealer Sichtliniengeometrie und größtmöglicher Nähe zum Spielfeld beinhaltet auch alle neu gestalteten FIFA-konformen Funktionsbereiche.

Der historische Oberrang, der zusammen mit dem Sichtbetondach eine harmonische konstruktive Einheit bildet, bleibt erhalten und wird saniert. Im Bereich der Haupttribüne auf der Stadionwestseite werden zwischen Oberrang und dem neuen um ca. 1,50 m abgesenkten Unterrang zwei Logengeschosse eingefügt.

Die neue Tribünenüberdachung setzt als ultraleichte Ringseilkonstruktion unterhalb der erhaltenen Teilüberdachung des Oberrangs an. Die Konstruktion mittels stählernem Druckring, Luftstützen und Zugseilen sieht vor, die transluzente Eindeckung zur Verschattung und Energiegewinnung teilweise mit Solarzellen zu bestücken.

Der umlaufende äußere Druckring sowie die zu dessen Lastabtragung erforderlichen neuen Stützen werden als eigenständiges System implementiert und folgen präzise dem Rhythmus der historischen Tragstruktur. Damit
bleibt die charakteristische denkmalgeschützte Außenwirkung der eindrucksvollen Betonkonstruktion ohne Beeinträchtigung erhalten.

Die Wertschätzung des bestehenden Stadions, die sensible funktionale Neugliederung und behutsame Sanierung sind für uns Ausdruck eines nachhaltigen Architekturverständnisses. Dass sich die traditionsreiche Bergbaustadt Belo Horizonte dem Motto einer nachhaltigen Weltmeisterschaft verschrieben hat, zeigt, welchen Stellenwert diese Themen in der modernen brasilianischen Gesellschaft haben. Bereits die Entscheidung, auf einen spektakulären Neubau zu verzichten und vielmehr das bestehende Stadion zu sanieren, sind erste Signale eines ganzheitlichen ökologischen Bewusstseins. So können bereits bestehende Infrastrukturen erhalten und ausgebaut, Synergien genutzt und der erforderliche Primärenergiebedarf minimiert werden. Die ersten Schritte zur angestrebten Zertifizierung nach internationalen Green Building Standards sind gemacht, weitere mit Blick auf den Energieund Wasserverbrauch, die Ökobilanz der eingesetzten Materialien, den Einsatz effizienter bautechnischer Anlagen ebenso wie ein permanentes Monitoring im späteren Betrieb werden folgen. Es entsteht, ganz im Verständnis des Fortschrittes als weitergeführter Tradition, eine Neuinterpretation des historischen Stadions Mineirão aus dem Wesen des Ortes und des Bestandes heraus.