Deutschland, Chemnitz 

Hörsaalzentrum der TU Chemnitz

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Wettbewerb 1994 – 1. Preis
Entwurf Meinhard von Gerkan
Projektleitung Dirk Heller, Astrid Lapp
Mitarbeiter Angelika Juppien, Knut Maass, Ralf Schmitz, Michele Watenphul
Bauherr Staatshochbauamt Chemnitz
Bauzeit 1996–1998
BGF 8.856 m²
BRI 51.766 m³

 

Fotografen:

Gerhard Aumer

Hans-Christian Schink

www.hc-schink.de

In der ersten Euphorie von Freiheit und Expansion nach der deutschen Wiedervereinigung machte die TU Chemnitz eine ehrgeizige Erweiterung des Universitäts-Campus zum Gegenstand eines städtebaulichen Wettbewerbes. Als erstes sollten ein sehr großes Hörsaal- und Seminargebäude sowie ein Institut realisiert werden, danach die Bibliothek folgen. Der ausgewählte Entwurf von gmp sah eine flexible Linearstruktur als langfristiges Entwicklungsmodell und ein Eingangsforum vor, das von Hörsaalkomplex und Bibliothek baulich gefasst werden sollte. Von allem ist nur das Hörsaalgebäude als reale Baumaßnahme übrig geblieben und dieses auch um ein Drittel verkleinert. Die Euphorie ist einer Ernüchterung gewichen, das Entwicklungsgelände scheint dem Wildwuchs von Gewerbeflächen geopfert zu werden.

Damit bildet das Hörsaalgebäude vorerst den Schluss – und nicht den ersten Baustein einer zukünftigen Erweiterung. Dem wird die kräftige Gliederung der Baukörper gleichwohl gerecht. Ein Winkel aus Seminarräumen fasst ein großes Foyer, das unter dem aufgeständerten Volumen der beiden großen Hörsäle liegt. Deren schräger Boden, den ansteigenden Sitzreihen folgend, ist als Decke sichtbar. Die Baukörperfügung sorgt trotz großer Tiefe des Bauwerks für Tageslicht in den innenliegenden Foyerzonen, in dem vertikal durchgehende Lufträume mit Dachoberlichtern versehen wurden. Dadurch wird das Milieu im Gegensatz zur Dunkelzonenstimmung vieler großer Universitätsbauten hell und heiter stimuliert. Auch die beiden großen Hörsäle sind keine „black boxes“. Die Lichtstimmungen des Himmels versorgen die Zuhörer mit mentaler Stimulanz. Der andere dominante Gestaltungsparameter ist die intensive Farbigkeit von Wänden und Decken. Dies entspricht nicht dem ursprünglichen Entwurfskonzept, sondern wurde während der Bauzeit aus der Not eines radikalen Sparzwangs und den Eindrücken einer Mexikoreise des Architekten geboren. Das preisgünstigste Material großer Wand- und Deckenflächen ist Putz, die Farbe gibt es fast gratis dazu.

Der Besuch von Bauten Baragans und Legorettos lieferte die Anregung, mit einfachsten Mitteln prägnante Gestaltkraft zu gewinnen. Der sehr mutige Griff in Farbtöpfe war nicht zuletzt auch eine Reaktion auf die graue Tristesse des Ortes mit seinen sehr kargen Großtafelbauten. Der Bau bekennt sich zu seiner Bescheidenheit und zeigt das Prinzip der Einfachheit auch in der Reduktion und Disziplinierung der Details. Die Farbwahl selbst sowie die Disposition, nicht mit Körpern sondern mit Flächen die Räume zu gestalten, ging aus einem intensiven experimentellen Prozess hervor, der in dem Oeuvre von gmp ein neues Kapitel aufschlägt. Das Prinzip sparsamster Einfachheit – der Bau wurde weit unter dem ursprünglichen Budget realisiert – dominierte auch alle anderen Entscheidungen zur Gestaltung:

  • Industrieestrich für die Fußböden.
  • Streckmetall für die Decken.
  • Wellblech an der Fassade.
  • Stählerne Fluchttreppen, die zwischen den Sälen im Freien liegen.