Deutschland, Berlin 

Neues Tempodrom

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Gutachten 1999 – 1. Preis
Entwurf Meinhard von Gerkan
Projektleitung Stephan Schütz
Mitarbeiter Entwurf Nicolas Pomränke, Doris Schäffler, Kristian Uthe-Spencker
Mitarbeiter Ausführung Ulrike Bruttloff, Nicolas Pomränke, Matthias Wiegelmann, Wilfried Schoo, Helga Reimund, Patrick Pfleiderer, Johannes Erdmann
Statik Stahlbau Krupp Stahlbau
Statik Sockelgebäude Ingenieurbüro Krentel, Berlin
Beratung Dachtragwerk schlaich bergermann und partner, Stuttgart
Haustechnik Energie System Technik, Berlin
Akustik BeSB Schalltechnisches Büro, Berlin
Lichtplanung Conceptlicht Helmut Angerer, Traunreut
Außenanlagen Krafft-Wehberg, Berlin
Bauherr Stiftung Neues Tempodrom
Bauzeit 1999–2001
BGF 12.400 m²
BRI 88.000 m³

 

Fotografen:

Christian Gahl

www.christiangahl.com

Marcus Bredt

www.marcusbredt.de

Am 1. Mai 1980 gründete die damalige Krankenschwester Irene Moessinger zusammen mit Freunden das Tempodrom am Potsdamer Platz als eine alternative Kulturinstitution. Zwei Zirkuszelte boten Platz für 3.000 bzw. für 500 Besucher. Die Vielfalt kultureller Ereignisse lockte in jeder Saison ca. 200.000 Zuschauer an.

Nach zwei Standortwechseln wurde das Tempodrom im Dezember 2001 nun erstmals als permanente Konstruktion auf dem Gelände des ehemaligen Anhalter Bahnhofs eröffnet.

Das öffentliche Leben, das früher den Anhalter Bahnhof als „Tor zum Süden“ bestimmte, soll nun durch den Neubau des Tempodroms zurückkehren. Übergeordnetes Ziel des städtebaulichen Konzepts war daher, den Baukörper selbst als öffentliche und begehbare Platzanlage um das Zeltdach herum zu definieren.

Eine gebäudebreite Freitreppe im Norden, in die der Eingang zum ebenerdigen, verglasten Foyer als große Öffnung eingeschnitten ist, führt hinauf zu einer holzbeplankten Dachterrasse, die im Sommer als Biergarten genutzt wird, und wieder hinab auf die ehemaligen Bahnsteige. Die Offenheit dieser Konzeption erlaubt die Zugänglichkeit für jedermann.

Den baulichen Höhepunkt bildet die 37 m hohe zeltähnliche Dachkonstruktion über der Großen Arena, durch deren verglaste Öffnung im Zenit Tageslicht in die Spielstätte fällt. Großflächige Verglasungen in den Fassadenbereichen unterhalb der Dachgrate stellen einen intensiven Bezug zwischen Innenraum und Dachterrasse mit Ausblick in den umliegenden Park her.

Die expressive Dachform schafft einen visuellen Fixpunkt im heterogenen städtebaulichen Umfeld und vermittelt auf diese Weise Orientierung und Übersichtlichkeit. Die symbolhafte Form ist eine bauliche Interpretation des Phänomens, welches die Identität des Tempodrom für alle Besucher und Freunde in der Vergangenheit prägte – das Erlebnis des Zeltraums.

Das Faltwerk des Daches besteht aus einem ausgesteiften Stahltragwerk aus Haupt- und Nebenträgern sowie 12 cm dicken Stahlbetonfertigteilplatten, Dämmung und einer weißen Dachfolie, die gleichzeitig die Außenhaut des Daches bildet. Die Konstruktion ruht auf zwölf walzenförmigen Lagern aus Stahl, die die Lasten in das Sockelbauwerk ableiten.

Die innere Verkleidung der Stahlkonstruktion bildet eine zweilagige Gipskartonschale, die den Brandschutz des Stahls gewährleistet und schallreflektierend wirkt, da sie akustisch entkoppelt ist und somit unabhängig schwingen kann. Auf dieser schwarz gestrichenen Gipskartonschale sind schallabsorbierende Streifen einer Holzakustikplatte aufgebracht.

Die Innengestaltung der Großen Arena (max. 3.800 Zuschauer) und der Kleinen Arena (max. 400 Plätze) entzieht sich bewusst einer eindeutigen Interpretation und Nutzungszuordnung. Die Kleine Arena kann zudem als erweiterter Foyerraum sowie als intimer Veranstaltungsraum genutzt werden.

Im Liquidrom wölbt sich über einem mit körperwarmem solehaltigem Wasser gefüllten Becken eine kuppelförmige Betonschale mit einem Oberlicht im Zenit. Lichtinstallationen, Unterwasserlautsprecher und vier Klangsäulen sollen den bis zu 50 Besuchern ein eindrucksvolles Konzerterlebnis vermitteln.

Ein Restaurant mit 70 Plätzen sowie vier Seminarräume für insgesamt ca. 150 Teilnehmer komplettieren das Angebot.

Dominiert nach außen das spektakuläre Dach die Erscheinung des Tempodroms, sind es im Innenraum die bewusst schlicht gehaltenen Materialien. Wände und Decken sind in fast allen Bereichen in teils veredeltem Sichtbeton ausgeführt, die Böden in geglättetem Gussasphalt. Im Liquidrom bestimmen natürliche Materialien die Gestaltung.

Der Neubau am Anhalter Bahnhof wird im Rahmen des Umwelt- Förder- Programms durch die Europäische Union unterstützt und ist dem entsprechend in einer sehr hohen thermischen Qualität ausgeführt. Auch die für den laufenden Betrieb notwendigen technischen Anlagen sind nach umweltentlastenden Kriterien optimiert.